Firmen in Bramsche und Rieste betrachten "Silver worker" als Gewinn

Er kennt seine Lagerregale samt Inhalt ganz genau: Dallmann-Routinier Berthold Röwekamp (62). Quelle: Marcus Alwes

Bramsche/Rieste. Fachkräftemangel und manche Nachwuchssorge bestimmen die Personalsituation in vielen Wirtschaftsbranchen. Den älteren Arbeitnehmern kommt da in zahlreichen Betrieben inzwischen eine besondere Bedeutung zu. Doch erfahren Männer und Frauen aus der Altersgruppe „Ü 60“ im Job in Bramsche, Rieste und Vörden auch die entsprechende Wertschätzung?

„Was die Firmen an den Älteren stört, ist vor allem die Zahl auf dem Gehaltszettel“, behauptete der Karriereberater und Buchautor Martin Wehrle vor geraumer Zeit in einem Gastbeitrag für das Magazin „Der Spiegel“. Sind die Mitarbeiter „50+“ also tatsächlich zu teuer? Wehrle jedenfalls verteidigte die Älteren in den Betrieben vehement. „Wenn man sich die Firma als ein Land vorstellt, dann sind langjährige Mitarbeiter die Ureinwohner. Sie sprechen noch die Landessprache und kennen ihre Firma bis in den letzten Winkel: die Kultur, die Eigenarten, die praktischen Abkürzungen auf Arbeitswegen. Niemand weiß besser, was die Kunden wollen und was zur Firma passt.“

Gut möglich, dass Wehrle prinzipiell Arbeitnehmer wie Bernhard Siefke, Berthold Röwekamp oder Karl-Heinz Horstmann vor Augen hatte. Es sei „in erster Linie Erfahrung“, die die langjährigen Mitarbeiter als Trumpfkarte zu bieten hätten, sagt der 61-jährige Siefke, der Teamleiter im Bandwerk Ricon im Niedersachsenpark an der A1 bei Rieste und Neuenkirchen-Vörden ist. „Was ich im Kopf habe, muss ich nicht im PC nachschauen“, fügt der Familienvater hinzu. Offenbar ein kleiner Seitenhieb auf jene, die glauben, in einer immer digitalisierteren Arbeitswelt könnten viele ältere Beschäftigte nicht mehr mithalten.

Seit 34 Jahren ist Siefke beim international agierenden Landmaschinenhersteller Grimme bzw. dessen Tochterunternehmen Ricon beschäftigt. An der Loyalität zu seinem Arbeitgeber gibt es keinen Zweifel. Sein Ratschlag und seine Lebenserfahrung sind zudem im Werk gefragt. „Und ich hatte immer den Eindruck, dass mein Vorgesetzter es gut findet, wenn ich auch mal ein kritisches Wort sage“, fügt Siefke hinzu. 

Das Durchschnittsalter der Erwerbspersonen im IHK-Bezirk Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim „steigt kontinuierlich“, verkündete die Industrie- und Handelskammer bereits vor mehreren Jahren in ihrer umfassenden Expertise „Generation Erfahrung“. Gleichzeitig schrumpfe die Zahl junger Nachwuchskräfte. „Vor diesem Hintergrund gewinnt die Beschäftigung älterer Arbeitnehmer an Bedeutung“, so die IHK damals in ihrem Papier. Eine Erkenntnis, die auch heute noch nahezu unverändert Bestand haben dürfte. Laut einem Bericht der Bundesregierung aus dem Herbst 2018 haben rund 2,4 Millionen Menschen in Deutschland, die älter sind als 60 Jahre, einen sozialversicherungspflichtigen Job. Gegenüber 2007 sei das mehr als eine Verdoppelung.

Fast vier Jahrzehnte seinem Arbeitgeber, dem Bramscher Straßen- und Tiefbauunternehmen Dallmann, treu ist unterdessen Berthold Röwekamp. Demnächst wird er 63 Jahre alt. Ob er vielleicht über das offizielle Renteneintrittsalter hinaus im Betrieb bleiben werde, wisse er noch nicht, erklärt Röwekamp. Im Materiallager von Dallmann jedenfalls – gleich neben der Werkstatt und dem mächtigen Maschinenpark – kennt er sich wie kaum ein anderer aus. Röwekamp weiß sofort, wo welcher Fahrzeugschlüssel hängt bzw. in welchem Regal welche Schraube oder welches Werkzeug zu finden sind. Der Laden läuft, die Kollegen wissen das zu schätzen.

„Ich bin mehr für das Praktische und mehr für das persönliche Gespräch“, gibt der gelernte KfZ-Mechaniker ehrlich zu. Dass demnächst die Digitalisierung verstärkt auch in seinem Arbeitsumfeld Einzug halten wird, ahnt Röwekamp. „Das erleichtert viele Sachen, aber es wird auch einiges geben, wo ich mich persönlich noch sehr reinfuchsen muss“, gesteht er ein. Noch habe aber „niemand mit mir gemeckert“. Ältere und jüngere Kollegen müssten sich eben gegenseitig helfen, findet Röwekamp. Beide Seiten könnten dabei voneinander lernen.

Hätte Karl-Heinz Horstmann letztere Aussagen gehört, würde er dem Mann aus der Lagerlogistik sicherlich zustimmend auf die Schulter klopfen. Für den 61-Jährigen sind Smartphone und Tablet allerdings bereits zu seinen Hauptarbeitsmitteln im beruflichen Alltag geworden. Sie begleiten ihn bei seinen Verkaufsgesprächen für die Kotte Landtechnik GmbH aus Rieste auf Schritt und Tritt. Horstmann bringt vor allem Schlepper und Landmaschinen an die Landwirte in der Region.

„Wichtig ist es, gesund und fit zu bleiben“, sagt er mit Blick auf sein Alter: „Fit – besonders auch im Kopf, damit man mit der Technik mitkommt.“ Durch die Digitalisierung komme es in immer kürzeren Abständen „zu schnellen, rasanten Veränderungen“, so Horstmann. Das gelte zum einen für die Produkte, die er im Verkaufsgespräch anbiete. Das gelte zum anderen aber auch für die eigene Art und Weise zu arbeiten. Aus- und Fortbildungen, die nicht nur ihm helfen, den technischen Fortschritt zu meistern, hält der Mann aus dem Kotte-Verkaufsteam für unerlässlich.

Horstmann will nicht ausschließen, trotz seiner inzwischen mehr als 60 Lenze noch längere Zeit für seinen Arbeitgeber aktiv zu sein. „Wir werden irgendwann sicher mal darüber reden müssen“, erklärt er. Ausgang offen.

Viele Chefs in den regionalen Unternehmen wissen den Erfahrungsschatz und die erworbenen Spezialkenntnisse ihrer älteren Beschäftigten („Silver worker“) aber durchaus zu schätzen. Ebenso deren Netzwerke und Kontakte, deren Verantwortungsbewusstsein sowie eine oft sehr disziplinierte Arbeitseinstellung. „Ältere Arbeitnehmer sind ein unverzichtbarer Bestandteil eines guten Mitarbeiterportfolios. Sie bringen ein hohes Maß an Erfahrung und Loyalität mit in die Unternehmenskultur“, stellt Landtechnik-GmbH-Geschäftsführer Dr. Stefan Kotte heraus. „In unserer Firma gibt es einige Mitarbeiter, die über das Rentenalter hinaus noch aktiv für uns tätig sind. Sei es als Urlaubs- oder Krankheitsvertretung, oder als Mentor bei verschiedenen Projekten mit Auszubildenden und Schülern, der so genannten Generationenwerkstatt“, ergänzt Katrin Börste, die beim Straßenbauer Dallmann als Assistentin der Geschäftsführung fungiert.

Mögen ältere Arbeitnehmer also hier und da auch etwas teurer sein als mancher jüngere Kollege, sie vorzeitig in den Ruhestand und die Rente zu „loben“, nur um Personalkosten zu senken, könnte sich für Teile der Wirtschaft in Zeiten des Fachkräftemangels insgesamt als Fehlgriff erweisen, warnt Sarna Röser. In der Zeitung „Die Welt“ sagte die Bundesvorsitzende der Jungen Unternehmer erst vor wenigen Tagen mit Blick auf die älteren Beschäftigten, „in vielen kleinen und mittleren Unternehmen wären sie eine wertgeschätzte Verstärkung“. Röser regt deshalb an, in Zukunft unter anderem über personelle Leihgeschäfte zwischen Großkonzernen und Mittelständlern nachzudenken, anstatt auf massive Frühverrentungen zu setzen. Denkbar, so Röser, sei auch die Gründung von Transfergesellschaften als Orte einer zwischenzeitlichen Weiterbildung.

Text: Marcus Alwes

 

www.noz.de/lokales/bramsche/artikel/1704991/firmen-in-bramsche-und-rieste-betrachten-silver-worker-als-gewinn